Hostel Leben
Von Möglichkeiten und deren Hindernisse
Mein Weg führte mich weiter nach Puebla, umgeben von Bergen, Vulkanen und grün auf blauem Grund. Schon die Busfahrt an diesen Ort eröffnete mir den Blick auf die umliegende Natur und erfüllte mich mit Freude. Die Ruhe, die die Berge ausstrahlten, erfüllte auch mich mit Ruhe. Der Busfahrer war ein herzlicher Mann, der vor Abreise eine Art Rede hielt und uns eine gute Reise wünschte. Sobald wir losgefahren waren, startete er einen Film, der über die Monitore in Bild und Ton den Bus erfüllte. Star Wars „The Rise of Skywalker. Ich musste schmunzeln, als ich den Filmtitel sah, denn auch ich schien mit meiner Reise zu etwas aufzusteigen, was ich noch nicht greifen kann.
Auf der Busfahrt ließ ich meine Gedanken zu den vergangenen sieben Tagen schweifen und dahin, dass mein Reisebegleiter und ich eine unterschiedliche Reisegeschwindigkeit aufgrund unserer verschiedenen Wesen haben. Während ich es mag mich ziellos durch eine Stadt treiben zu lassen, zieht mich eine gewisse Geradlinigkeit zu einem Ziel, wenn wir eines ins Auge gefasst hatten. Ein Ziel im Visier führte dazu, dass es mir schwer fiel von meinem Ziel abzuweichen. Mein Wegbegleiter hingegen war sprunghaft in seinem Wesen und wie er sich einem Ziel näherte. Während ich dem Ziel entgegen strebte, triftete mein Wegbegleiter gerne vom Ziel ab, warf ihn auf der Wegstrecke auch manchmal über Bord und trieb mal da hin und mal dorthin. Ich mag es gerne an einem Ort zu verweilen, der dazu einlädt, während es meinen Wegbegleiter immer weiter zog und er es kaum aushielt irgendwo zu verweilen.
Frei von Bewertung betrachtet würde ich sagen, dass ich gerade herausfinde, was ich mag und was nicht, was mir und meinem Wesen entspricht und was nicht. Wie oft hatte ich mir selbst Vorwürfe gemacht, dass ich so bin wie ich bin, dass ich eng bin, dass ich verschlossen bin und unflexibel und immer wieder dachte ich, dass ich mich ändern müsse, dass ich offener werden muss, freier, flexibler. Vielleicht war auch das der unbewusste Antrieb mich dieses mal in einem Hostel ein zu buchen.
An meinem ersten Abend im Puebla Hostel Leben sollte ein Bingo Abend stattfinden, der mir eine erste Möglichkeit bieten würde, die Menschen im Hostel kennenzulernen. Doch ich schaffte es nicht rechtzeitig zurück, war ich beim durch die Stadt treiben lassen zu weit entfernt von meiner Unterkunft. Eine innere Stimme wollte mir eine Geschichte davon erzählen, dass ich der einzige Mensch in einem Hostel sei, der keine anderen Menschen kennenlernen würde. Mein Kleinmachprogramm sprach zu mir. Ich setzte mich in den Aufenthaltsraum und schrieb mein Tagebuch. In mir entstand der Gedanke, dass es vielleicht gar nicht darum geht, mich aus diesem meinen Sein heraus zu entwickeln und jemand zu werden, die ich nicht bin. Vielleicht ging es vielmehr darum, dieses meine Sein anzunehmen, so wie es ist, anzunehmen wo ich gerade stehe, anstatt dagegen anzukämpfen und gegen mich zu agieren.
Mir wurde bewusst, dass ich mich immer wieder mit anderen Menschen verglich anstatt herauszufinden, wer ich war. Möglicherweise war die Annahme meines heutigen Seins der erste Schritt für Entwicklung in eine neue Offenheit. Wenn ich mir offen begegnen würde, könnte ich auch der Welt offen begegnen. Und schließlich saß ich inmitten des Aufenthaltsraums und ließ damit die Möglichkeit für Begegnungen zu. Während ich also Tagebuch schreibend da saß, kam ein Mann zu mir und bot mir Ananas an, weil er sie nicht mehr schaffte. Kurz darauf setzte sich eine junge Frau zu mir an den Tisch und ich war es, die sie ansprach. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie in Leipzig lebt, wo auch ich meine irdischen Wurzeln habe. Wir unterhielten uns den halben Abend lang und verabredeten uns für den nächsten Tag zum Frühstück. Es scheint so, als wolle mir das Leben sagen, dass es darum geht, mich zu zeigen und sich dann Möglichkeiten ergeben, für die ich mich öffnen darf. So wie ich mich zeige, zeigen sich vielleicht auch die Wunder und Möglichkeiten. Manchmal ist es ein Lächeln, was Türen öffnet, manchmal sind es Worte, manchmal ist es die reine Präsenz.
In 2.135 Höhe begrüßt mich nun der erste Morgen in einer Frische, wie ich sie in den letzten Tagen in México City noch nicht gespürt hatte. Nach meiner ersten Nacht hier würde ich sagen, es gefällt mir das Hostel Leben und mit meinen Abend- und Morgengedanken, freue ich mich auf die Wunder und Begegnungen, die hier auf mich warten.







Eigentlich bis du so mutig in vielerlei Hinsicht. Diese innere Programme, die wir in uns tragen und uns immer wieder genau das Gegenteil davon einflüsstern, was und wie wir gerade etwas gemacht haben, sind echt manchmal zum Kotzen. Und doch dienen sie uns auch dazu, dass wir uns besinnen und bejahend zu uns selbst kräftig sagen: Nein, so sehe ich das nicht!, oder Nein, so bin ich nicht! Ich bin so wie ich bin!
Schön, wie das in mir widerhallt. Auch ich lerne mehr und mehr, anzunehmen, wie ich bin, anstatt mich zu einer besseren Version verändern zu wollen. Oder noch stimmiger: Wenn ich mich besser kennenlernen und mich in diesem Kennenlerne annehme und in diesem Annehmen kennenlerne, tritt allmählich eine Entspannung in meinem System ein, das wiederum ein Tiefersinken und Kennenlernen und Annehmen ermöglicht und auf diesem Weg kommen mir all diese Kleinmach-Programme entgegen und wow, die können echt was!
Bei mir merke ich es im Übersiedelungsprozess, in dem wir voll sind, wie jedes Familienmitglied da anders tickt und was ich brauche etc.
Danke für deine Schilderungen!