Sitzplätze
Ich wache müder auf, als ich mich beim ins Bett gehen fühle. Morgens muss ich mich neuerdings überreden aufzustehen. Ich bemerkte es vor ein paar Tagen. Jeden Tag neue Eindrücke, Reizüberflutung und etliche Kilometer zu Fuß. Jeden Tag entdecken müssen, so fühlt es sich an. Doch dieses müssen es erwächst in mir, genauso wie die Müdigkeit als Resultat daraus. Für die nächsten Tage ist Regen und Gewitter vorhergesagt. Ich freue mich. Es scheint wie eine Einladung, ein Grund nichts zu tun. Als bräuchte es einen Grund dafür. Und doch braucht ein Teil in mir einen Grund. Tatsächlich ist Tun oder Nichtstun eine Entscheidung. Meine Entscheidung.
Der vermeintliche Regentag zeigt sich sonnig. Ich trete vor die Tür, nicht um zu entdecken, sondern um mich in mir ruhend zu erleben. So sehr es mir möglich ist. Das Sitzen im Nichts, im Sein, es fällt mir schwer. Kaum sitze ich, denken die Gedanken an das, was aufs Sitzen folgen soll.
Zuerst sitze ich auf einer Dachterrasse mit Blick auf die Stupa des Stadtteils. In die innere Unruhe mischt sich eine zaghafte Öffnung. Worte beginnen zu entstehen, wo seit Wochen keine mehr gefloßen sind. Der Kaffee ist getrunken, die Sonne schiebt sich immer weiter über den Tisch an dem ich sitze. Ich setze mich in Bewegung nur um meinen nächsten Sitzplatz zu finden und finde ihn im Buddha Park, nur wenige Schritte entfernt. Ich sitze und schaue dem Schatten dabei zu, wie er auf dem Boden sichtbar wandert, wie er auf meinen Knien wandert und dort der Sonne immer mehr Platz einräumt.
Ich schaue durch die Menschen hindurch, die ihre Gebetsrunden um die in der Mitte thronende Statue Padmasaṃbhava´s drehen und dabei an mir vorbei gehen. Ihre starrenden Blicke lasse ich geschehen. Sie fallen mir auf, aber ich möchte bei mir bleiben. Die Blicke, sie gehören nicht zu mir, drohen mich aber ins Außen zu ziehen. Das Außen, es bringt mich aus dem Gleichgewicht.
Bhaktapur, eine Stadt nahe Kathmandu. Was hatte ich alles über diese Stadt gehört. Als ich mich das erste Mal auf den Weg nach Bhaktapur machen wollte, wachte ich mit Kopfschmerzen und Übelkeit auf. Ein vom Körper erzwungener Tag in Ruhe. Bhaktapur musste warten. Ein paar Tage später fuhr ich spontan nach Patan. Über Patan hatte ich nichts gehört. Erwartungsfrei und offen machte ich mich auf den Weg, ohne mir wirklich bewusst darüber zu sein, dass ich in dieser Gemütslage war. Patan war ein Fest. Ich floss durch die Stadt, wie von selbst entdeckte ich die für mich schönsten Winkel der Stadt, genoss jeden Schritt, jede Regendusche, alles, was mir begegnete. Ich fühlte mich leicht und weit. Da war kein, ich muss sehen, sondern nur ein treiben lassen, ohne Karte, ohne Ziel.
Zurück aus Patan warf ich einen Blick auf die Wettervorhersage. Regen und Gewitter, jeden Tag, solange ich noch in Nepal war, außer am nächsten Tag. Eigentlich wollte ich an diesem Tag pausieren, doch ich ließ das Wetter über meine Pläne entscheiden. In dem Moment war ich schon nicht mehr in mir, sondern im Außen, hörte nicht auf meinen Körper sondern auf Umstände. Aus einem „ich möchte“ wurde unbemerkt ein „ich muss“.
Am Morgen trödelte ich und unbewusst zögerte ich den Moment des losgehens immer wieder hinaus. Als ich in Bhaktapur ankam machte sich Ernüchterung breit. Das sollte die Stadt sein, über die ich nur Lobeshymnen gehört hatte? Egal in welche Richtung ich ging, ich kam immer wieder an derselben Stelle heraus. Ständig schaute ich auf die Karte, um all die Markierungen abzuarbeiten, die ich im Vorfeld in der App gesetzt hatte. Irgendwann bemerkte ich, das die Kopfschmerzen zurück gekehrt waren, als Hinweis, das es in mir eng war, ich mit dem Kopf durch die Wand wollte, etwas erzwingen, was nicht unter Druck entstehen konnte.
„Die Stadt zeigt sich mir nicht.“, hörte ich die Gedanken denken. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass die Stadt mir meinen inneren Zustand spiegelte, genauso wie Patan mir ein Spiegel war. Die Bewusstheit darüber reichte jedoch nicht aus, um in dem Moment gänzlich zu verstehen und zu durchbrechen, was in mir passiert war. Und so irrte ich durch die Straßen und Gassen und das Wort „Chaos“ entstand in mir, erkannte ich es aber nicht als mein Chaos, als meinen Widerstand, sondern schrieb der Stadt zu, dass sie chaotisch und widerspenstig sei.
Bevor die Rushhour begann und damit die Taxipreise stiegen, wollte ich die Stadt verlassen. Es brauchte zwei Anläufe, bis ich endlich gehen konnte. Zweimal hatte ich bereits den Stadtkern verlassen und zweimal musste ich zurück kehren, ehe ich gehen konnte. Das brauchte es, um später wirklich zu verstehen, dass ich mit Widerstand in die Stadt gefahren war, mit diesem inneren Muss, von mir abgetrennt. Wenn ich nicht bei mir bin, sondern im Außen, gerate ich aus dem Takt, bin orientierungslos und eng, das hatte mir Bhaktapur gezeigt. Wenn ich bei mir bin, bin ich weit, offen und um Fluss, das durfte ich in Patan erfahren. Gegensätzlicher konnten die zwei aufeinanderfolgenden Tage nicht sein.
Im Buddha Park wechsle ich meinen Sitzplatz um wieder im vollen Schatten zu sein. Die Menschen hören auf mich anzustarren, denn neben mir sitzt eine für sie interessantere Frau, deren rote Haare und weiße Haut wie ein Magnet auf die Einheimischen wirkt. Lange sitze ich hier, die Gedanken beruhigen sich. Die wenigen Gedanken, die aufsteigen, ziehen vorbei wie die Menschen vor mir.
Erneuter Sitzplatzwechsel, dieses Mal in einem Hinterhof. Erneut bemerke ich, dass Worte in mir entstehen und ich beginne zu schreiben. Erstaunt halte ich kurz inne. Auf wie vielen Ebenen ich unbemerkt nicht mehr geflossen war. Der Körper schleppte sich nur noch dahin, die Worte entstanden nicht mehr, mein Innerstes aus dem Gleichgewicht in einen Automatismus Strudel geraten.
Schon vor ein paar Tagen hatte ich gespürt, dass etwas von mir abfiel, als ich am Bagmati Fluss entlang lief. Der Fluss war nicht schön und doch ein Stück Natur. Wasserrauschen, ein bisschen grün, erstaunliche Ruhe, obwohl er an einer gut gefüllten Verkehrsstraße entlang lief. Ich hatte gespürt wie ausgehungert mein Innerstes nach Natur, Ruhe und einem Menschenleereren Ort war. An mehreren Tagen hielt ich mich länger am Fluss auf und etwas in mir lud sich mit Energie auf.
Drei verbleibende Tage in Nepal, drei Tage im Nichts beschließe ich. Kein Muss, nur von einem Schattenplatz in den Nächsten gehen und sitzen.












