Schwellenbrand
Das Leben kennt keine Fehler
Einen Tag vor meiner Fahrt zurück nach Panama City fieberte ich. Immerhin hustete ich nur noch halb so viel. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Ich hatte alle Unternehmungen in Boquete sausen lassen, weil ich mich nicht fit genug dafür fühlte, um mit neuer Energie in die Großstadt zurückzukehren. Ein Mann, mit dem ich mir in Boquete unter anderem das Zimmer teilte, fragte mich immer wieder, ob ich keine Medizin nehmen möchte. Ich verneinte und behielt den Rest meiner Antwort für mich. Meine Medizin war Frequenzmusik und Visionen von einem gesunden Ich. Zugegeben die Visionen fielen und fallen mir gerade schwer. Kennst Du das, wenn man einige Tage am Stück krank ist und es außerhalb der Vorstellungskraft liegt, dass sich der Körper jemals wieder anders anfühlen wird als schlapp und matt? Statt geheilt stieg ich in Panama City mit Temperatur aus dem Bus und wurde von Hupkonzerten und Menschenmengen empfangen. Beim Schlendergang zur Metrostation musste ich aufpassen, dass ich nicht über meine hängenden Mundwinkel stolperte, lächelnd und schneller ging nicht und damit war ich vielen eiligen Fußpaaren im Weg. Zum Glück stieg ich an der ersten Station der Linie ein und ergatterte einen Sitzplatz. Ein Mann schaute mich griesgrämig an, weil ich weit vor ihnen auf dem Sitz neben seiner Freundin platz nahm ohne darum zu kämpfen. Ich war einfach schneller in der Bahn ohne mich zu beeilen. Eine alte Frau stieg ein, die Freundin neben mir stand auf. Wieder dieser griesgrämige Blick des Mannes in meine Richtung, als wolle er wortlos fragen, warum ich nicht aufgestanden sei. Heute fühlte ich mich alt, heute fühlte ich mich sitzbedürftig.
An der nächst gelegenen Haltestelle zu meinem Hostel stieg ich aus, nahm die falsche Rolltreppe hinauf auf die vierspurige Straße, fuhr die Rolltreppe wieder hinunter und auf der anderen Seite wieder hoch. Ein wenig fühlte sich der Fußweg an wie nach Hause kommen, nicht weil ich das Hostel als mein zu Hause liebgewonnen hatte, sondern weil ich mir vertraute Straßen entlang lief. Zurück in meinem Zimmer bekam ich meinen Reiserucksack wieder, den ich zurück gelassen hatte und erkannte beim Betreten meines Zimmers an seinem Koffer, dass ich mir nach wie vor mit dem wohl unbeliebtesten Zimmernachbarn meiner Reise immer noch ein Zimmer teilte. Irgendwann in der Nacht kam er ins Hostel und hüllte das Zimmer in seine gewohnt laute Geräuschkulisse. In der Nacht hörte ich, dass auch er erkältet war.
Am Morgen, ich hatte mich gefühlt schon Stunden im Bett herumgewälzt, schaute ich irgendwann auf die Uhr. Beim Blick auf´s Handy schaute mich eine vier vor der Minutenanzeige an. Ich wälzte mich noch ein wenig, doch ich schlief nicht mehr ein. Schleichend bewegte ich mich aus dem Zimmer in die kühle der morgendlichen Nacht. Als ich ins Zimmer zurückkehrte fühlte sich mein Körper an, als sei schon wieder Nacht und so legte ich mich wieder hin und wurde gut vier Stunden später von der lauten Musik aus dem Handy meines Zimmernachbarn geweckt, der heute auch auskurieren auf seiner Todo Liste stehen zu haben schien. Ich machte ein genervtes Geräusch und sagte laut irgendwas mit Rücksicht auf Deutsch. Obwohl er meine Worte nicht verstanden hatte, hatte er verstanden und schaltete die Musik wieder aus.
Geräuschvoll ging er bei geöffneter Badtür auf Toilette und spukte laut sein Sekret aus. Kurz darauf musste auch ich auf Toilette und sah, dass die Klobrille vollgepinkelt war. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich keine Lust hatte mich in seine Pisse zu setzen, doch ich hätte den Satz ins spanische übersetzen müssen, das war mir die Mühe nicht wert. Stattdessen verließ ich das Zimmer und checkte meinen Flug ein, der mich morgen nach Deutschland tragen würde. Auf die Erkältung würde noch Jetlag kommen, dachte ich. Vielleicht würde ich ein Upgrade bekommen, wenn ich bei der Gepäckabgabe versehentlich einen Hustenanfall bekäme und man mich zum Schutz der anderen Fluggäste besser separieren würde, sponn ich. Gleichzeitig drehte sich der Gedanke in mir, dass die Erkältung zum schlecht möglichen Zeitpunkt ihre Höhepunkt erreicht hatte. Ich erinnerte mich daran, dass das Leben keine Fehler kenne und entschied mich den Satz in „oder genau zum richtigen“ zu drehen.
Deutschland lag plötzlich 24 Stunden entfernt vor mir. Das erste mal seit sieben Monaten würde ich wieder in deutscher Sprache nach dem Weg, dem Zug, einem Laden fragen. In meinem Kopf stammelte ich die Worte heraus, so oft hatte ich in den letzten Monaten auf spanisch nach all dem gefragt, dass ich mir gar nicht mehr so sicher war, ob ich es in meiner Muttersprache überhaupt noch konnte. Das erste mal seit sieben Monaten würde ich die Durchsagen am Bahnhof verstehen, würde ich das Toilettenpapier in die Toilette werfen anstatt in den Mülleimer, auch wenn mich diese Vorstellung irritierte. Das erste mal seit sieben Monaten würde ich spüren, wie es sich anfühlt wieder in Deutschland zu sein und nach und nach die Menschen zu treffen, die ich vor sieben Monaten verabschiedet hatte. Wie wird es sich anfühlen? Werde ich noch dieselbe sein, die abgeflogen ist? Wie werden sich meine Freunde und meine Familie anfühlen? Wird es mir genauso das Herz zerreißen, wenn ich erneut ohne Rückflugticket ins Flugzeug steigen werde? Meine Welt wackelte spürbar und dabei dachte ich, dass sich zurück fliegen leichter anfühlt als wegzufliegen.
Während ich hier sitze und schreibe kommt mein Zimmernachbar endlich aus unserem gemeinsamen Zimmer, setzt sich in seinen riesigen Jeep, lässt den Motor wie immer ewig laufen, ehe er losfährt. Endlich kann ich mich wieder ungestört hinlegen, freue ich mich. Doch bevor ich das tue merke ich, wie ich ihn durch analysiere. Großes Auto großes Ego. Schritte wie Hammerschläge ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Ich bat mich selbst die Analyse zu beenden und bei mir zu bleiben. Er kam bisher nicht gut weg und ist vermutlich auch ein Mann mit seiner ganz eigenen herausfordernden Geschichte. Vielleicht war er auch genervt von meinem Husten oder davon, dass ich morgens so früh aufgestanden war. Verständnis sagte ich mir.
Nach weiteren drei Stunden schlaf setzte ich mich vor das Hostel und der Wunsch bewegte sich in mir, dass mich kurz jemand in den Arm nehmen und mir sagen würde, dass ich die Erkältung bald überstanden hätte, dass es mir ab jetzt jeden Tag ein bisschen besser als ein bisschen schlechter werden würde. Ich fühlte mich wie ein Kind während sich dieser Wunsch in mir zeigte. In Boquete hatte ich schon das Gefühl, dass etwas Altes in mir ausgebrannt werden möchte, damit etwas Neues in mir integriert werden kann und durch das Fieber sichtbar wurde. Die Schwelle, die spürbar vor mir gelegen hatte, gab mir Rätsel auf, denn ich wusste nicht, aus welchem Thema die Schwelle bestand. Nun, da ich mich fühlte wie ein Kind, hatte ich einen Geistesblitz. Ich durfte mir selbst die Worte schenken und auch meinem Inneren Kind. Und so legte ich mich wieder ins Bett und sprach mit mir und ihr, mein Inneres Kind dabei im Arm. Ich spürte ihre Verletzlichkeit, ihre Unsicherheit, ihre Zweifel an der Echtheit meiner Worte. Ich spürte, dass es ihr schwer fiel mir zu vertrauen und überhaupt zu vertrauen. Doch je mehr ich mit ihr sprach und damit auch mit mir, desto mehr wurde ein entstehendes Vertrauen spürbar und sie ließ sich in meine Arme fallen und schlief über meinen Worten ein. Als sie aufwachte ging es ihr deutlich besser, doch sie wollte es nicht aussprechen aus Angst, dass ich dann wieder gehen würde. War das die Schwelle, die überschritten und mit Fieber ausgebrannt werden wollte? Selbstliebe, Selbstfürsorge und Selbstvertrauen next Level? Selbstheilung next Level? Die Frage, wie es mir am nächsten Morgen gehen würde, nahm ich mit in die Nacht. Wenn ich ehrlich war, wäre es mir lieber gesund ins Flugzeug zu steigen als krank in der Businessclass zu sitzen.






