Overstay
Gefangen in Kashi,
zumindest fühlte es sich für einen Moment so für mich an.
Schon länger wollte ich mit einer Freundin aus México telefonieren. Der Zeitunterschied von 11 1/2 Stunden stellte sich allerdings als Hürde hinaus. Doch an diesem Morgen war der Wille, sie endlich direkt nach dem aufstehen anzurufen, spürbar in mir. Nur noch wenige Tage trennten mich von meiner Weiterreise nach Nepal und ich spürte die Vorfreude darauf. Der Flug und die Unterkunft in Kathmandu waren gebucht und die Tage in Indien schienen gezählt.
Im Telefonat kamen wir auf das Thema Visum. Das Thema war mir in den letzten Monaten immer erneut und erneut begegnet und die unterschiedlichen Aussagen der Menschen, mit denen ich darüber gesprochen hatte, hatten mich immer wieder dazu geführt, mir die Bestimmungen meines Visums etliche Male durchzulesen. Einige Male hatte ich den Text vorsichtshalber ins Deutsche übersetzt und doch kam ich immer wieder zu dem Schluss, dass ich 180 Tage am Stück in Indien bleiben dürfe, ehe ich ausreisen müsse, um dann erneut für weitere 90 Tage einreisen zu können, ehe mein Visum im September ablaufen würde. Meine Freundin sprach von 90 Tagen, die man am Stück in Indien bleiben dürfe und von 180 Tagen insgesamt in einem Kalenderjahr. Wie konnte mein Visum so derart anders sein, wunderte ich mich. Nachdem wir aufgelegt hatten, nahm ich erneut mein Visum zur Hand.
Drei mal musste ich den Text lesen, damit die Gewissheit tief in mir landen konnte. Die Gewissheit, dass ich mein Visum immer wieder falsch verstanden hatte. Schon im Januar hätte ich ausreisen müssen, diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Ich befragte das Internet und fand heraus, dass ich entweder zu einer Behörde gehen müsse, um die Ausreiseangelegenheiten vorab zu klären, oder ich könne am Flughafen die Angelegenheit klären. Der Satz „eine Haftstrafe ist unwahrscheinlich“ löste ein filmreifes Kopfkino aus, dass ich nur nach einigen Anläufen und mit Mühe unterbrechen und zu einer positiven Sichtweise zurück kehren konnte. Gleichzeitig spürte ich, dass sich immer wieder Selbstvorwürfe in mir breit machen wollten. Und so durfte ich mir wiederholend sagen, dass ich Fehler machen darf und trotzdem noch liebenswert war.
Am Morgen war ich aus einem intensiven Traum aufgewacht, an dessen Ende ich gedacht hatte, dass ich so froh darüber war, die herausfordernde Situation, in der ich mich im Traum befand, nicht alleine durchstehen zu müssen, denn ich hatte nicht die Kraft die Traumsituation alleine zu bewerkstelligen. Als ich aufgewacht war, fragte ich mich, welche Situation ich nicht alleine schaffen konnte und wenige Stunden später hatte ich die Antwort in Form meines Visums erhalten. Tatsächlich war es mir ein Bedürfnis mir Hilfe bei einer Freundin zu holen. Ich durfte stark und verletzlich zugleich sein und war trotzdem noch liebenswert. Meine Freundin fand heraus, dass ich in jedem Fall vorab zu der Behörde und einen Antrag auf Ausreisegenehmigung stellen müsse. Sie bekam andere Suchergebnisse als ich angezeigt, wunderte ich mich. Die Behörde würde in wenigen Minuten schließen, also ging ich auf die Webseite der Behörde. Dort fand ich heraus, dass der Antrag Online gestellt werden muss. Ich suchte die nötigen Unterlagen zusammen, sprach mit meinem Host, um auch von ihm ein Formular zu erhalten, dass bestätigte, dass ich in seinem Hostel untergebracht war und digitalisierte alle Unterlagen, um sie in das geforderte PDF Format umzuwandeln. Zunächst musste ich mich auf der Webseite registrieren. Dazu war es nötig die indische Handynummer und eine E-Mail Adresse mittels Code zu verifizieren, den ich nach Eingabe erhalten sollte. Eine E-Mail erhielt ich, eine SMS nicht. Ich forderte noch einige Male bis in die Nacht hinein den Code an, das Ergebnis blieb das Gleiche.
Glücklicherweise gab es in Kashi eine Behörde und so machte ich mich am nächsten Morgen mit meinen Unterlagen im Gepäck auf den Weg dorthin. Vor ein paar Tagen hatte ich Passbilder anfertigen lassen, die ich für die Einreise nach Nepal brauchen würde und nun auch für den Antrag brauchte. Erst als ich auf den vollen Straßen Kashi ´s lief, bemerkte ich, dass Samstag und die Stadt bis unters Dach mit Touristen gefüllt war, die sich im Vishmanath Tempel Shiva ´s Segen geben lassen wollten. Es war kaum ein durchkommen, so voll waren die Hauptstraße und die engen Gassen. Das Navigationssystem führte mich zunächst an Mutter Ganga entlang, doch bald stellte ich fest, dass der Durchgang auf Höhe des Vishmanath Temels gesperrt war. Ich kehrte um und ging bei nächster Gelegenheit hinauf und folgte den engen Gassen vorbei an der endlosen Menschenschlange, die auf den Zutritt zu dem Tempel warteten. Durch die Schlange war die Gasse noch enger als ohnehin schon und mit mir schoben sich Fahrräder, Scooter, Kühe und Menschen an ihnen vorbei.
Für einen halbstündigen Weg brauchte ich eine Stunde fünfzehn. Laut Navigationssystem war ich an meinem Ziel angekommen, doch dort, wo ich stand, war von der Behörde keine Spur. Die Menschenmengen um mich herum hatten mir schon einiges abverlangt und nun war ich am Ziel, an dem sich keine Behörde befand. Ich setzte mich auf einen Mauervorsprung und Tränen flossen aus mir heraus. Die Menschen, die vorbeikamen, schauten mich irritiert an. Nachdem ich mich beruhigt hatte, sprach ich die Menschen an, um nach dem Weg zu der Behörde zu fragen, doch sie liefen stumm an mir vorbei. Endlich fand ich einen Mann, der mir erklärte, dass die Behörde gleich hinter der Mauer war, auf deren Vorsprung ich gerade gesessen hatte. Er erklärte mir den Weg dorthin. Zurück auf der Hauptstraße lief ich einige Meter an ihr entlang und fragte Polizisten, die einen Ort bewachten, der hinter einem Eisentor lag, ob das der Zugang zur Behörde sei. Sie hatten von der Behörde noch nie etwas gehört und so riefen sie Rikscha Fahrer herbei, und fragten sie um Hilfe. Fünf, sechs Männer standen um mich herum, hielten mein Handy in der Hand und diskutierten längere Zeit auf Hindi, bis einer der Männer sagte, dass er den Weg kenne und ich ihm folgen solle.
Bald stand ich vor einem neuen Durchgang, an dessen Ende die Behörde sein sollte. Ich stieg über eine Absperrung, leichte Zweifel im Gepäck, ob ich hier richtig war, und erreichte eine offen stehende Tür. Ich betrat den dahinter liegenden Raum und fand die Behörde, die ich gesucht hatte. Kaum saß ich, brach all die Anspannung, die sich seit gestern und auf dem Weg hierher in mir angestaut hatte, in Form von weiteren Tränen aus mir heraus. Der Mitarbeiter bat mich freundlich mit dem Weinen aufzuhören und ihm zu erzählen, was passiert sei.
Im Handumdrehen hatte er mich auch ohne SMS registriert und bald füllten wir gemeinsam die Online Formulare aus, luden die PDF Dateien hoch, die ich ihm per WhatsApp schickte und sendeten den Antrag meiner Ausreisegenehmigung ab. Ich war an den wohl freundlichsten Mitarbeiter geraten. Die Bearbeitungszeit würde 15 bis 20 Tage dauern eröffnete er mir. Doch noch wollte ich daran glauben, dass ich meinen Flug nach Nepal nehmen würde können.
Am nächsten Tag, ein Sonntag, war die Behörde geschlossen. Trotzdem erhielt ich am Nachmittag eine WhatsApp von dem Mitarbeiter vom Vortag. Wenn ich meinen Flug nach Nepal wie geplant nehmen wolle, so hatte er geschrieben, müsse ich am Montag in Lucknow zur Behörde gehen. Ich bedankte mich bei ihm, dass er sich an seinem freien Tag bei mir gemeldet hatte und begann nach Zügen zu suchen, die nach Lucknow fahren würde. Ich fand heraus, dass noch ein Zug von Kashi aus nach Lucknow fahren würde, der in weniger als einer Stunde abfahren würde. Am nächsten Morgen um 5 Uhr wäre ich in Lucknow. Am selben Tag müsste ich zurück fahren, um am nächsten Tag zurück in Kashi zu sein um im Hostel aus-checken zu können und zum Flughafen zu fahren. Da es mehrere Bahnhöfe in Kashi gab, suchte ich auf der Karten App nach dem City Bahnhof, um die Fahrtzeit dorthin herauszufinden. Bei meiner Suche wurde immer wieder die WLAN Verbindung unterbrochen und für eine Suche, die normalerweise wenige Sekunden dauerte, brauchte das Handy nun Minuten. 35 Minuten Fahrtzeit erfuhr ich nach längerem Warten. Ich musste noch zum Rikscha Stand laufen und wenigstens meine Zahnbürste einpacken. Der Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich den Zug nicht schaffen würde. Das war also nicht der Weg.
Am Abend rief mich der Host an und sagte mir, dass er bei seinem Onkel sei, der in eben dieser Behörde arbeitete, in der ich am Vortag den Antrag gestellt hatte. Es standen Feiertage bevor und selbst meine Fahrt nach Lucknow hätte nichts daran geändert, dass die Behörden an den Feiertagen geschlossen seien und ich nicht rechtzeitig meine Ausreisegenehmigung erhalten würde. Shiva entscheidet, wer die Stadt betritt und Shiva entscheidet wann man sie wieder verlässt. Das waren die ersten Worte, die der Host bei meiner Ankunft zu mir gesagt hatte und er sagte sie erneut am Telefon zu mir. Am Abend stornierte ich das Hostel in Kathmandu und rief den Flug auf, den ich ohne Stornierungsoption gebucht hatte. Etwas in mir hinderte mich darin den Flug ebenfalls zu stornieren.
Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass in Nepal einen Tag nach meiner Anreise Neuwahlen seien. Ich hatte bereits Ende letzten Jahres mitbekommen, dass es wegen der politischen Lage Unruhen in Nepal gegeben hatte und die Grenze zwischen Nepal und Indien geschlossen wurde. Zum Zeitpunkt der Neuwahlen, so erfuhr ich, würden die Grenzen erneut geschlossen sein und ich verstand, dass ich gerade nicht nach Nepal reisen sollte. Ich würde das Land immer noch bereisen können, bevor ich den Kontinent wieder verlassen würde. Vielleicht würde die Fluggesellschaft meinen Flug stornieren. In diesem Fall würde ich das Geld zurück erstattet bekommen. In mir wurde es ganz friedlich, denn ich spürte die Führung, die mich von der Nepalreise abgehalten hatte, sei es aus Schutz, oder aus anderen Gründen. Es spielte keine Rolle, ich verstand nun. Wo sich vorher eine Unruhe, Ungeduld und Widerstand in mir bewegt hatten, machte sich nun eine klare Ruhe in mir breit. Ich war nicht in Kashi gefangen, ich habe einfach noch mehr Zeit hier geschenkt bekommen und damit die Möglichkeit das Holi Fest mitzuerleben und wer was noch.
Ich erinnerte mich zurück an letztes Jahr, als ich in Guatemala war, mit dem Plan danach nach Peru zu reisen. Meine Verletzungen an den Fußnägeln durchkreuzten meinen Plan und ich war über zwei Wochen zu keiner Entscheidung bereit gewesen. Die Handlungsunfähigkeit hatte alles ins Stocken gebracht, sowohl in mir, als auch im Außen. Dieses Mal wusste ich, ich brauchte nur den ersten Schritt zu tun, damit alles im Fluss blieb und das Leben würde nachziehen.
Noch bevor ich von meiner Visum Situation wusste und während dessen, waren aus unterschiedlichen Richtungen zwei Länder zu mir gekommen, die ich als Idee auf meine nicht existierende Reiseliste aufgenommen hatte. In den letzten Monaten waren sie jedoch in Vergessenheit geraten. Am Morgen begann ich ein wenig über die Länder zu recherchieren und während ich das erste Land in die Suchmaschine eingeben wollte, fiel mir auf, dass ich den Namen des zweiten Landes vergessen hatte. Damit war die Entscheidung schon getroffen, wohin meine Reise als nächstes gehen würde. Das zweite Land ließ ich auf meiner nicht existierenden Reiseliste stehen. Vielleicht würde aus meiner Sri Lanka und Indien Reise noch eine ausgiebige Asienreise. Bei meinem Abflug nach Asien hatte ich mir das nicht vorstellen können.












