Großstadtleben
Schildkröte trifft auf Roadrunner
Hochhäuser, endlose Straßen, endlose Autoketten, endlose Hupkonzerte, rasante Geschwindigkeit, endlose hohe Luftfeuchtigkeit. Panama City, eine Stadt, die mich an mein früheres Ich erinnert. An mein Leben in einer Hochhausgroßstadt, zwischen Wolkenkratzern, Autoketten und Hupkonzerten.
Anoymität. Menschen, die beim Laufen in ihre Handys schauen und nichts von ihrer Umwelt mitbekommen. Ich spüre, dass ich mich auf vielen meiner Wege ebenfalls vom Treiben um mich herum abschirme, weil mir das Tempo zu schnell und die Geräuschkulisse zu laut ist. Es gab eine Zeit, da mochte ich das Großstadtleben, ich mochte es in die Restaurants zu gehen, ein bisschen ChiChi hier, ein bisschen ChiChi da, zwischen den Hochhäusern zu wandeln und Blicke in die Geschäfte zu werfen. Ich kannte alle Restaurants der Stadt, ich wusste wenn ein Geschäft schloss und ein neues eröffnete. Was habe ich noch mit dieser Version von damals zu tun, frage ich mich und stelle fest, nichts.
Nun ziehe ich die leeren Straßen vor, die Natur der Stadt, die leisen Töne statt der Lauten. Nun ziehe ich Abendessen in den zwei Kantinen vor, die Panama City zu bieten hat. Günstiges Essen in keinem Ambiente, umgeben von Menschen, die nicht zu bemerken scheinen, wenn man den Laden betritt und auch nicht, wenn man ihn wieder verlässt. Während ich esse, betritt ein Gast die Kantine und der Dialog beschreibt wunderbar, wie Panama City sich anfühlt.
„Hallo!“, sagt der Gast. Der Kantineninhaber antwortet nichts. „Zum mitnehmen.“, sagt der Gast, gefolgt von Schweigen. „Trinken?“, fragt der Kantineninhaber. Auf die Antwort des Gastes folgt ein lautes „Häää?“ des Kantineninhabers.
Ich nähere mich der Ausgangstür der Kantine, bedanke mich und sage auf Wiedersehen und erhalte keine Antwort, was mich nicht wundert, denn sie gehört hier nicht dazu.
Auf dem Rückweg zum Hostel gehe ich über die Metrostation, um die Straßenseite zu wechseln. Zwei Rolltreppenlängen und fünfzig Meter Fußweg kühle Luft, die mich spüren lassen, dass mein T-Shirt an mir klebt, vor allem dort, wo meine kleine Tasche auf meinem Rücken aufliegt, dass eigentlich alles an mir klebt. Ein Leben von Klimaanlage zu Klimaanlage, die ich eigentlich nicht mag, hier schon. Um 19 Uhr wird die Klimaanlage in meinem mixed Dorm eingeschaltet, um 9 Uhr morgens wird sie wieder ausgeschaltet. Ich habe gelernt jede Sekunde davon auszukosten. Ich habe gelernt erst zu duschen, wenn die Klimaanlage läuft. Ich habe gelernt mir meine Zähne zu putzen, bevor ich duschen gehe. Denn nach dem Duschen ist vor dem Schwitzen, außer ich bin schnell genug in der Klimaanlagenluft. Das Gleiche gilt am Morgen, duschen bevor die Klimaanlage ausgeschaltet wird.
Am Morgen, ein neuer Zimmernachbar zog ein, als ich unter der Dusche stand und klopfte an die Badezimmertür. Während ich mich abtrocknete klopfte es wieder. In mein Handtuch gewickelt öffnete ich die Tür. Mein Gegenüber erklärte mir, dass er nur schnell ins Bad wolle um zu duschen. Ich sagte ihm, dass ich noch nicht fertig sei und deutete an mir herab. Ein Leben in Eile. Eile die keinen Raum für Miteinander, Verständnis und Höflichkeit zu lassen scheint. Wieder ein Puzzlestein, dass ich einsammeln darf, dass mich meiner Antwort näher bringt, wie ich leben möchte. Wieder eine Erinnerung daran, wie ich selbst mal war. Ungeduldig, da unter Zeitdruck, unhöflich, da unter Zeitdruck. Den Fuß selbst im Stau auf dem Gaspedal, die Hand auf der Hupe, das Schimpfwort auf den Stimmbändern. Ein wenig muss ich schmunzeln über diese Version von mir. Noch mehr freue ich mich, dass ich sie hinter mir gelassen habe.
Einsame Wölfin, geht es mir durch den Sinn. Trotz Hostelbekanntschaften fühle ich mich hier so in dieser Anonymität, in dieser Geschwindigkeit, in dieser alles übertönenden Lautstärke. Laute Musik, laute Gespräche, laute Motoren, laute Autohupen. Hier möchte ich mir gar kein Gehör verschaffen. Einsame Wölfin. Nein, ich mag Gespräche, ich mag Menschen um mich herum, in Maßen nicht in Massen, ich mag Tiefgang statt Oberfläche. Ein Blick hinter die Oberfläche erscheint mir hier kaum möglich und so schaue ich erst gar nicht in die Oberflächen der Gesichter die mir begegnen, deren Blicke an ihren Handyoberflächen haften. Wieder erscheint mir mein früheres Ich. Oberflächen waren es, an denen ich nur kratzen wollte, sowohl in meinem Inneren, als auch bei meinen Gegenübern.
Entwicklung von Großstadtleben zu Gemütlichkeit. Von Oberflächen zu Tiefgang. Sie scheint passiert zu sein in den letzten Jahrzehnten, dass spüre ich in dieser Stadt. Vielleicht ist Luftfeuchtigkeitstrunkenheit gepaart mit Großstadtflair der Grund, warum ich mich am Abend so schnell müde fühle und gleichzeitig wünschte ich mir, all das würde einfach an mir abprallen. Stattdessen habe ich wieder angefangen zu planen, zumindest den nächsten Tag und den Abend. Pläne, die sich um Aktivitäten in Klimaanlagen drehen. Morgen steht Endlosschleifen drehen im klimatisierten Hop on hop off Bus auf meinem Programm. Und heute sind es nur noch eine Stunde sechszehn, bis die Klimaanlage angeschaltet wird, bis zum nächsten Duschen, bis zu den nächsten Schweißperlen befreiten vierzehn Stunden.







