Gesellschaft
Als mir meine Gesellschaft wichtig wurde
Weihnachten. So weit weg und doch war es plötzlich da. Ich hatte ja keine Ahnung das die Menschen in Indien Weihnachten feiern, aber sie tun es. Anders und an einem anderen Tag. Wie genau, weiß ich immer noch nicht so genau, nur das wann ist mir bekannt, heute am 25.12. Laute Gesänge hallten seit den Morgenstunden durch die Straßen und begleiteten diesen Tag.
Gestern war der Weihnachtstag, den ich kenne. Er würde anders sein, als alle Weihnachtstage, die ich bisher erlebt hatte und gerade deshalb wollte ich ihn zelebrieren, für mich und mit mir, wollte ihn anders verbringen als sonst. Nicht auf eine weihnachtliche Art und Weise, sondern mehr als eine Feierlichkeit, in der es darum ging mich zu zelebrieren. Am Vortag hatte ich in der Hostelküche gekocht, die eigentlich von den Köchen benutzt wird, die hier täglich für die Gäste Essen zubereiten. Nachdem ich mir das ok abgeholt hatte, die Küche benutzen zu können, gesellte ich mich also zu den beiden Köchen. Einer der beiden Männer hatte mich am Vortag mit dem Roller zum Geldautomaten gefahren, um dort Geld für die Übernachtungen abzuheben. Meine Kreditkarte konnte zwischenzeitlich wieder entsperrt werden und so bekam ich das Geld, dass ich fürs Hostel brauchte. Einer der Hostelmitarbeiter entschuldigte sich für die Hygiene in der Küche, über die ich hinweg sah, sonst würde ich wahrscheinlich nirgends mehr essen wollen. Während ich mein selbstgekochtes Essen zur Hälfte verspeiste, wunderte ich mich, wie die Menschen hier in Indien die Saucen so sämig hinbekamen. Mein Curry glich eher einer Suppe und machte auch nicht satt. Das kam mir aber am nächsten Tag, dem Weihnachtstag, sehr entgegen, als ich die Reste zum späten Frühstück verspeiste, denn ich brauchte Hunger für den Abend.
Am Strand gab es einen Ort, an dem um 18 Uhr getrommelt und gesungen wird. Dort wollte ich sein, nachdem ich beim Sonnenuntergang gegessen hätte. Im Internet gab es zwei Orte, an denen der sogenannte Drum Circle stattfand und so musste ich mich für ein Restaurant in der Nähe einer der beiden Orte entscheiden, da sie zu weit voneinander entfernt waren, um in der Nähe von beiden zu sein. Ich entschied mich für das Freedom Café, weil es zu meiner Gefühlswelt an diesem Tag passte und setzte mich mit Blick aufs Meer an einen der Tische. Ich schlemmte bis weit nach 18 Uhr und genoss den Sonnenuntergang dabei, während ich darüber sinnierte, wie unvorstellbar es für mich noch vorletztes Jahr gewesen wäre Weihnachten alleine zu verbringen, geschweige denn alleine in der Ferne. Und nun saß ich hier und genoss meine Gesellschaft, genoss, dass ich nicht über Dinge sprechen musste, die mich langweilten oder nicht interessierten, wie es mir oft in Hostels ergangen war. Und auch hier, in diesem Hostel, bewegten sich die Gespräche tendenziell an der Oberfläche während um mich herum viel Alkohol floss.
Deutlich konnte ich am Weihnachtsabend spüren, dass ich meine eigene Gesellschaft der Gesellschaft der anderen vorzog. Anders als ich früher gewählt hätte, um einen vermeintlich besonderen Abend nicht alleine verbringen zu müssen. Selbst zu Beginn meiner Reise blickte ich besorgt auf das alleine sein. Wieviel gesellschaftlicher Druck hatte einst auf meinen Schultern gelastet. Am Vortag hatte ich Fragen entworfen und in mein Notizbuch geschrieben, die mich auf dem Weg der Integration der Wochen im Ashram begleiten sollten. Am heutigen Morgen hatte ich sie beantwortet und auf die Frage, was ich loslassen möchte, in mein Notizbuch geschrieben, dass ich meine tägliche Routine nicht mehr von äußeren Umständen abhängig machen möchte. Ich stehe früh auf, ich gehe früh ins Bett und das ist ok, egal was andere darüber denken. Ich verbringe den Weihnachtsabend mit mir, auch das ist ok, egal was andere darüber denken.
Nach meinem Festmahl, mein Geschenk für mich, schlenderte ich am Meer entlang zu meinem Hostel zurück. Gut 30 Minuten Fußweg lagen vor mir und tiefe Röte am Himmel ehe das Meer und der Sand schwarz neben und vor mir lag. Von dem Drum Circle hatte ich nichts gesehen geschweige denn gehört. Aber die Musik um mich herum, die mir wie ein psychedelischer Trip vorkam, ließ kaum Raum für andere Geräusche. Irgendwann traf ich auf eine größere Menschenmenge am Strand und ging neugierig zu ihr hinüber. Der Drum Circle, ich hatte ihn gefunden und so lauschte ich den letzten Trommelklängen, ehe sich der Kreis für den heutigen Tag auflöste. Nun wusste ich wo er war. Ein Erlebnis, dem ich morgen von Beginn an beiwohnen würde. Ein weiteres Geschenk hatte ich bereits am Vormittag unerwartet erhalten, als mir meine Freundin schrieb, dass das Paket, dass ich aus Nashik nach Deutschland verschickt hatte, angekommen sei. Es beheimatete die vielen Bücher, die ich während der beiden Kurse im Ashram erhalten hatte, meine zwei Zertifikate, einen Yogablock und eine Decke, die ich für die kalten Nächte im Ashram eingepackt hatte, nur weil sie auf der Packliste stand. Doch sie nahm zu viel Platz ein und die Bücher bedeuteten zu viel zusätzliches Gewicht. Und nun wusste ich, dass alles gut angekommen war. Was für ein unerwartetes Geschenk. So früh hatte ich nicht mit der Ankunft gerechnet und in manchem Moment hatte ich angezweifelt, dass das Paket überhaupt sein Ziel erreichen würde, zu abenteuerlich war die Geschichte um das Paket und der Tracking Nummer. Doch immer wieder besann ich mich darauf positiv zu bleiben, wenn ich mich dabei ertappte, wie sich Fragezeichen über den Verbleib des Pakets in meinen Gedanken zeichneten.
Doch zurück zu meiner eigenen Gesellschaft, die ich gestern so sehr genossen hatte und mich nur einen Tag später unter einigen neuen Gästen im Hostel wiederfand, die allesamt Gespräche mit mir führen wollten. Im Hostel stolperte ich von einem Gespräch ins nächste, obwohl ich nicht das Gefühl hatte auszustrahlen, dass ich noch ein weiteres Gespräch führen wollte. Egal, ob ich auf der Dachterrasse schrieb, oder in den Schlafsaal ging, mir begegneten Menschen, die das Gespräch mit mir suchten, wo ich doch bereits nach dem ersten langen Gespräch für den Moment zu genüge zugehört und geredet hatte. Ich sehnte mich zurück zu den ersten zwei Nächten, in denen ich das Mehrbettzimmer für mich alleine hatte, doch nun war auch dieser Rückzugsort ein Mittelpunkt von Gesprächen geworden. Zum Abendessen, was ich im Hostel verspeiste, gesellte sich wieder jemand in gesprächiger Laune zu mir an den Tisch, so dass ich etwas tat, was ich vor kurzer Zeit noch nicht gemacht hätte. Ich bat darum mein Essen in Stille einzunehmen. Es brauchte ein paar Anläufe, bis mein Gegenüber mich verstand ehe ich in Schweigen gehüllt essen durfte. Wie passte das zu meinem Vorabend mit mir? War es eine Übung, wie ernst ich das meinte? Oder ein Ruf in die Geselligkeit? Doch die Frage, wo ich einen Moment für mich sein konnte, beschäftigte mich in diesem Moment am meisten. Ich beschloss im Imbiss gegenüber einen Kaffee zu trinken und fand Ruhe während ich das Treiben auf der Straße beobachtete, die zwischen dem Hostel und mir lag.
Am Abend ging ich am Strand entlang. Während ich lief spürte ich wieder wie sehr ich es genoss mit mir zu sein und alleine am Strand entlang zu schlendern, ohne Fragen beantworten zu müssen, oder auf etwas gesagtes eingehen zu müssen, stattdessen einfach zu sein. Ich landete beim Drum Circle und setzte mich mit dem Rücken zu der Gruppe, damit ich den Sonnenuntergang genießen und gleichzeitig den Trommeln und Gesängen lauschen konnte, ich hörte schließlich nicht mit den Augen sondern mit den Ohren und irgendwie auch mit dem Herzen. Und hier fand ich eine Antwort. Es ging um beides, gesellig zu sein, mich für die Menschen um mich herum zu öffnen, aber auch mit mir zu sein, wenn mir danach war, jetzt wo ich das erste Mal in meinem Leben meine eigene Gesellschaft genoss. Ich musste es niemandem Recht machen, außer mir selbst.
Zurück im Hostel setzte ich mich erneut auf die Dachterrasse, um diesen Text fertig zu schreiben. Es dauerte nicht lang, bis sich eine Begegnung vom Vormittag an meinen Tisch gesellen wollte. Auf seine Frage, ob er sich zu mir setzen darf, antwortete ich ganz selbstverständlich, dass ich schreiben möchte, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben. Morgen wird ein neuer Tag sein, an dem ich mich in der Balance zwischen Gesellschaft und mit mir sein üben würde dürfen, zwischen dem Gefühl zu müssen und zu wollen, zwischen meinem zu viel und meinem zu wenig. Wo ich neulich noch um die Sympathien meiner Gegenüber gebangt hatte, wenn ich sie zurückweise, war ich mir und was ich wollte heute wichtiger.








