Die Zeitreise
Vergangenheit und Zukunft zeitgerafft
Der Tag begrüßt mich in facettenreichen Grautönen. So zerstreut wie die Wolken am Himmel hängen, so zerstreut bewege ich mich durch den Morgen. Ein letztes Mal für unbestimmte Zeit führt mich mein Weg in die Wohngruppe, in der ich zuletzt viele Jahre gearbeitet hatte. Ein letztes Mal für unbestimmte Zeit sehe ich meine früheren Kollegen und die Jugendlichen, die diese Wohngruppe bewohnen. Die S-Bahn fährt mich in die benachbarte Stadt und spukt mich wieder aus. Während ich auf den Bus warte schaue ich mich um, als würde ich all das zum ersten Mal sehen. Vor ein paar Tagen, als ich das erste Mal nach Monaten wieder diese Stadt betreten hatte, hatte ich das Gefühl, das die Stadt stirbt, das sie tot ist. Heute bewegt sich das Wort Moloch in mir.
Ich stehe an der Haltestelle, an der ich das letzte Mal vor Monaten stand, nachdem ich mit zwei Jugendlichen im Kino war. Es war Winter. Bei Sonnenschein und milden Temperaturen hatten wir das Haus verlassen. Bei Eiseskälte traten wir aus dem Kinosaal auf die Straße. Zitternd standen wir an dieser Haltestelle und sehnten den Bus herbei, der auf sich warten ließ. In unseren Köpfen drehte sich nur noch der Wunsch ins Warme zurück zu kehren. Unsere Füße überholten sich selbst auf dem Rückweg in die Wohngruppe, nachdem wir den Bus verlassen hatten.
Der Bus fährt mich vorbei am Krankenhaus. Hier hatte ich vor Jahren im Auto auf eine Jugendliche gewartet. Als ihre von Wut geführte Faust auf die Betonwand traf hörten wir beide ihre Knochen brechen. Mein Dienst war schon längst zu Ende und ich spürte Ärger in mir darüber, die Nacht vorm Krankenhaus verbringen zu müssen. Corona hatte mir verboten mit ihr das Krankenhausgebäude zu betreten. Während die Stunden vergingen verflog auch mein Ärger. Anfangs hatte mein Kopf eine Wutrede ausformuliert, die ich auf der kurzen Rückfahrt hätte halten wollen. Doch als sie mit Gips dekoriert zu mir ins Auto stieg und sich bei mir entschuldigte, wusste ich gar nicht mehr warum ich eigentlich sauer gewesen war.
Der Bus fährt weiter vorbei an dieser Schule. Neben der Jugendlichen saß statt ihrer Eltern ich, um ihre Einschulung nach einem Schulwechsel zu begleiten. Schon damals kam es mir merkwürdig vor, das ich es war, die neben ihr saß. Schon damals fragte ich mich, ob sie es auch merkwürdig fand. Neu in der Stelle haderte ich damit sie darauf anzusprechen, Bedenken etwas in ihr zu treffen, das ich zu diesem Zeitpunkt nicht berühren wollte. Ihre Mitschüler waren mit ihren Eltern da und ich wurde für die Mutter der Jugendlichen neben mir gehalten. Selbst die Klassenlehrerin sprach mich als die Mutter an und brachte mich dazu mich als Betreuerin zu offenbaren. Ein Gefühl der Entblößung waberte zwischen meinen Worten und der kurzen Stille die entstand. Entschuldigend schaute ich in das junge Gesicht neben mir.
Der Bus fährt weiter vorbei am Amtsgericht. Einen Jugendlichen hatte ich hierhin zu einem Termin begleitet. Ein Debüt für uns beide. Wir irrten durch das Gebäude, setzten uns vor die im Schreiben genannte Zimmertür und warteten darauf, das wir aufgerufen wurden. Die Tür blieb verschlossen während die Zeit verstrich. Eilige Schritte liefen auf uns zu. Ich bremste sie mit einem „Entschuldigung“. Wiederwillig blieben die Fußpaare vor mir stehen und klärten auf, das die Zimmernummer sich geändert hatte. Im richtigen Zimmer angekommen wurden wichtige Dinge besprochen, die ich zum ersten Mal besprach, hin und hergerissen, was das Richtige für die Zukunft des Menschen war, der neben mir saß, der diese Entscheidungen selbst nicht treffen konnte.
Der Bus fährt weiter vorbei an einem Gebäude, in dem einst Restaurantgäste speisten. An den Fenstern steht TP. An der Eingangstür lese ich Timepartner. Ich frage mich was hinter diesem Namen steckt. Meine Phantasie erfindet eine Geschichte, in der man Zeitreisen bei Timepartner käuflich erwerben kann. Der Bus in dem ich sitze kommt mir wie eine Zeitkapsel vor, die mich in den letzten Minuten durch Erinnerungssequenzen getragen hat. Der graue Himmel spiegelt mein Stimmungsbild wieder, die die gesehenen Erinnerungen in mir ausgelöst haben.
Ein wenig bedaure ich es, das ich meine begrenzte Rückkehr nicht kürzer geplant hatte. Unbemerkt bin ich wieder Teil der Menschen geworden, von denen ich mich verabschiedet und die ich in den letzten Tagen wiedergesehen hatte. Unbemerkt bin ich in einen Alltag, eine Struktur und eine Gewohnheit übergegangen, wo bei meiner Ankunft noch Fremde vermischt mit Vertrautheit in mir lag. Wieder spüre ich das mir der erneute Abschied schwer fallen wird. Wie verflogen scheint die Euphorie mich wieder auf meinen eigenen Weg zu machen, die mich, in den ersten Tagen zurück, kaum hier gehalten hatte.
Vor ein paar Tagen sah ich einen Komoran und schlug seine Bedeutung nach. Überrascht lass ich seine Botschaft, die davon sprach, das ich das Beisammensein mit anderen ganz erleben und mich davon berühren lassen, darin aufgehen darf, ehe ich wieder alleine weiter gehe. Überrascht, weil die Worte kaum passender sein konnten.
Bei einem Treffen mit einer Freundin hörte ich mich immer wieder sagen, „Wenn ich sesshaft geworden bin, möchte ich… .“. Ich badete in der Vorstellung sesshaft geworden zu sein, zeichnete Bilder von dem Ort, in dem ich lebe, dem Haus, das ich bewohne, den Menschen, die mich umgeben. Ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit breitete sich in mir aus.
Als ich mich von meinen früheren Kollegen und den Jugendlichen verabschiede liegt neben Traurigkeit auch Endgültigkeit in der Luft. Keine endgültige Endgültigkeit aber eine lange. Dieses mal existiert kein Datum, an dem ich zurück kehren werde, nur das Gefühl, ich kehre zurück wenn meine Reise zu Ende geht, ich kehre zurück um meine wenigen Sachen zu holen.











Ich dachte, ich hätte alle Tränen schon im Dezember geweint ...