Der Ruf
Der Ruf, er war seit Anbeginn meiner Reise durch Indien da. Er lautete „Kashi“ auch als „Varanasi“ bekannt. Immer wieder und immer lauter war mir dieser Ort im Norden Indiens begegnet und immer vehementer begann dieser Ort an mir zu ziehen. Doch noch hielt ich an meiner Route fest, die mich zunächst in den Süden des Landes und von dort in den Osten führen sollte, um von dort aus in den Norden zu reißen. Immer wieder hatte mich das Gefühl im Griff, dass ich nicht genügend Zeit für all das hätte, was ich sehen wollte.
Nach Tagen in Mysore gefüllt mit gemeinsamen Erlebnissen mit zwei deutschen, die uns in den Palace, in die kulinarische Welt und zum Sonnenaufgang auf den Kunti Betta führten, trennten sich unsere Wege wieder. Meine Tage waren so gefüllt, dass ich tagelang noch nicht mal die Zeit und Energie hatte mein Tagebuch zu schreiben.
Unsere Wanderung auf den Kunti Betta, morgens kurz vor 6, war begleitet von drei Hunden, die uns freudig begrüßten, als das Taxi am Fuß des Berges hielt. Sie führten uns hinauf. Der Weg war in Dunkelheit oft nicht zu erkennen, doch sie schienen zu wissen, welche Richtung einzuschlagen war. Immer dann, wenn wir ratlos stehen blieben, liefen sie vor und wir gingen ihnen im vollen Vertrauen nach, dass sie uns auf den Gipfel des Berges führen würden. Vor Sonnenaufgang setzten wir uns auf den großen, flachen Stein, der uns den Blick ins Tal und auf den rotgefärbten Horizont bot.
Die Hunde wichen auch hier nicht von unserer Seite. Zwei Rüden und eine Hündin. Vor allem sie, die Hündin, war unglaublich aufmerksam, streckte ihre Nase immer wieder in jede Himmelsrichtung aus und hatte ihre Ohren achtsam gespitzt. Zwischendurch holte sie sich bei uns immer wieder Streicheleinheiten ab, legte ihre Pfote auf einen unserer Oberschenkel und gab uns damit zu verstehen, dass sie Zuwendung brauchte. Bereitwillig gaben wir ihr, wonach sie verlangte, während die beiden Rüden schliefen. Es war inzwischen bereits nahezu hell, als alle drei Hunde anschlugen. Was auch immer sie gewittert hatten, für unsere Menschenaugen und Ohren blieb es verborgen. Sie hatten es in die Flucht geknurrt und gebellt und bald kehrte wieder bedächtige Stille auf unserem Platz auf dem Berg ein. Wir hatten das Gefühl, dass sie unser Geleitschutz waren. Tiefe Dankbarkeit machte sich breit.
Meine Kurzzeitfreunde hatten mir für ein paar Tage ein Gefühl von zu Hause und Vertrautheit geschenkt. Und so durfte ich mir erneut einen gedanklichen Eintrag in mein Gedächtnis schreiben, dass das Gefühl von zu Hause durch die Menschen entsteht, die mich umgeben. Nachdem sie abgereist waren, fehlte ihre Energie spürbar und gleichzeitig machte sich in mir eine Erkältung breit. Eine erneute Zwangspause, die meine eigentlichen Pläne über Bord werfen ließen. Und so tauschte ich den Bus, der mich in eine benachbarte Stadt führen sollte, gegen das Bett ein, in dem ich besser aufgehoben war. Immer noch spürte ich dieses Getrieben sein in mir, alles in Indien sehen zu wollen, was unmöglich war. Kurz darauf an einem Morgen lernte ich einen Mann kennen, bevor er abreiste. Auch er sprach von Kashi. Da war es wieder. Und ich hörte mich sagen, dass ich eigentlich nur nach Kashi müsse, dann wäre ich fertig in Indien. Interessant dachte ich. So sehr es mich dorthin zog, so sehr sparte ich es mir auf und reiste in die entgegengesetzte Richtung.
Durch einen Hinweis einer Freundin, am selben Tag, laß ich zwei Beiträge eines Autors, die von der Zerstörung in Kashi erzählten, die 2018 begonnen hatten und bis heute anhielten. Heilige Tempel wurden im Auftrag der Regierung abgerissen, um Wege passierbarer zu gestalten oder Restaurierungsarbeiten vorzunehmen. Was ich unter Restaurierung verstand, war etwas anderes, als in Kashi zu passieren scheint. Anstatt die Tempel zu erhalten oder wiederherzustellen, wurden sie abgerissen. All die Energien, die in den Jahrtausende alten Gemäuern steckten, gingen dadurch verloren. Proteste prallten an der Regierung ab und sie fuhren mit ihrem Plan fort. Als ich die Zeilen lass, durchfuhren meinen Körper Gänsehaut Schauer und Tränen stiegen auf. Etwas in mir wollte sich sofort auf den Weg nach Kashi machen, doch ich rief mich zur Ruhe, denn so manche impulsive Entscheidung hatte ich später bereut. Ich schrieb den Autor der Beiträge an, um vielleicht ein wenig Klarheit zu gewinnen. Überraschend schnell erhielt ich eine Antwort. Er würde im Februar in Kashi sein und wir könnten uns dort treffen, wenn ich mich denn dazu entscheiden würde, dorthin zu reisen. Ich nahm die Frage mit in die Nacht, ob ich an meiner geplanten Route in Richtung Kochi festhalten wollte, oder meine Route ändern würde. Ich wollte meine Entscheidung nicht davon abhängig machen, ob ein mir Unbekannter dort sein würde, sondern von meinem Gefühl.
Kaum hatte ich am nächsten Morgen die Entscheidung getroffen, nach Kashi zu reisen, machte sich eine Freude in mir breit und mein Herz hüpfte spürbar. Wo in den letzten Tagen nur Müdigkeit war, spürte ich eine Energie sich in mir bewegen, obwohl ich immer noch im Griff der Erkältung war. Gleichzeitig bewegte sich in mir die Frage, ob ich den Anblick der Zerstörung in Kashi verkraften würde. Ich buchte einen Bus und schaute nach einem Flug, der nötig war, um die mehr als 2.000 Kilometer zurückzulegen. Plötzlich ging alles ganz leicht, alles war im Fluss, wo mir bei der Planung meiner ursprünglichen Route nur Steine und Hindernisse begegnet waren, so dass ich sie immer wieder vertagt hatte. Erst jetzt spürte ich, wie wenig es mich nach Kochi zog, wohin ich hauptsächlich reisen wollte, um einen Freund aus dem Ashram wiederzusehen. Immer wieder war es mir widerstrebt meine Route darauf auszurichten, dass wir zur selben Zeit am selben Ort wären. Seine Reisepläne nach Kochi waren immer weiter nach hinten gerutscht und meine Unlust nach Kochi zu reisen spürbar größer geworden. Doch ich hatte es nicht weiter hinterfragt und das Gefühl beiseite geschoben. Unbewusst hatte ich die Route anderer verfolgt, anstatt meiner eigenen Route zu folgen.
In mir machte sich das Gefühl breit, dass ich länger in Kashi bleiben würde. Es ging nicht um das Ablaufen von Sehenswürdigkeiten, es ging hier um Tieferes, um Energien, ums Sein, ums Spüren, vielleicht auch darum, mich zu erinnern. Gänsehaut. Wow. Magisch. Das Leben hatte mich immer wieder nach Kashi schubsen wollen und nun endlich folgte ich dem Weg. Plötzlich bekam auch meine Erkältung eine tiefere Bedeutung. Ohne sie wäre ich nicht langsam geworden. Ohne sie wäre der Ruf nach Kashi vielleicht erneut ungehört geblieben und die Beiträge ungelesen, zwischen all den Dingen, von denen ich dachte, ich müsse sie sehen.








