Der Kokon
Meine Reisebegleitung und ich, wir waren wie Natur und Beton, wie Blumenwiese und Asphaltboden, wie Summen und Schreien. Polarität at it‘s best. Langsamkeit traf auf Eile, Spiritualität auf rationale Wissenschaft, Fremdkörper des Systems auf Puzzleteil des System. Wir waren wunderbare Spiegel füreinander. Während ich mit den Tagen immer bereitwilliger in die Spiegel schaute, die sie mir vorhielt, schien sie die Spiegel nicht wahrzunehmen, die ich ihr anfangs unbewusst entgegen streckte.
Ich hatte sie bereits durch spürt, bevor wir unsere gemeinsame Reise begannen, nicht weil ich es wollte, sondern weil es einfach geschieht, wie bei jedem Menschen, der mir begegnet. Schon als wir eine gemeinsame Reise geplant hatten, war mir klar, dass unsere Reise mit Herausforderungen versehen sein würde, da ich unsere unterschiedlichen Wesen spürte. Auf einer unserer ersten Autofahrten erzählte sie mir von ihrer Kindheit und ich verstand, was ich gespürt hatte. In den folgenden Tagen verstand ich mehr und mehr, dass ihre Handlungen ihre Handlungsmöglichkeiten waren. Verstand, warum sie die Dinge tat, wie sie sie tat und gleichzeitig prallten ihre Handlungsmöglichkeiten gegen meine Kindheitserfahrungen und wirkten in mir, kochten in mir und doch blieb ich nach außen hin ruhig und versuchte in mir zu durchleuchten, was gesehen werden wollte. Doch in mit brodelte es so sehr wie schon lange nicht mehr und es fiel mir schwer bei mir zu bleiben.
Meine Gesundheitsberater Ausbildung hatte mich gelehrt, dass ich Menschen nicht helfen soll, die nicht darum bitten. Wie eine Erinnerung daran, wurde mir dieser Satz auf unserer mehrtägigen Reise in Form eines Instagram Posts, von einem anderen Mund ausgesprochen, erneut präsentiert. Bleib bei dir, sagte ich mir daraufhin immer und immer wieder, um den Sturm in mir zu beruhigen. Wut darüber, ganz allgemein auf Menschen und auch explizit auf sie, dass sie, sich dessen nicht bewusst, aus dem Ego heraus agierte und damit unwissentlich Schuldzuweisungen aussprach, andere verletzte, einschränkte und in Situationen brachte, die nicht nur unangenehm sondern auch vermeidbar waren.
Auf meinem Weg hatte ich gelernt, dass wenn ich auf etwas reagiere, es etwas mit mir zu tun hat, etwas unaufgelöstes wird so sichtbar gemacht. Ihr Ego, es erinnerte mich an eine frühere Version von mir. Damals hatte ich selbst unbewusst aus dem Ego agiert und gehandelt, Menschen verletzt, sie eingeschränkt, Schuldzuweisungen ausgesprochen und sie in Situationen gebracht, die für sie unangenehm und vermeidbar gewesen wären.
Inmitten meines inneren Sturms setzte sich ein blauer Schmetterling auf meinen blauen Rock und kletterte an mir empor. Er erinnerte mich an die Metamorphose, die ich durchlaufen darf, von Raupe zu Schmetterling, von Tarotkarten für mich sichtbar gemacht. Er zeigte mir, dass ich mich noch im Kokon befand, in einer alten, engen Perspektive und noch nicht leicht und frei wie ein Schmetterling flog. Der Kokon, er wollte spürbar nicht mehr so recht passen und doch bewegte ich mich noch in seiner Gemütlichkeit und seinem zugleich unbequem gewordenem Inneren des mir Bekannten, das spiegelte mir meine Reisebegleiterin zuverlässig ohne davon zu wissen.
Wie gerne hätte ich meiner Reisebegleiterin aus dieser engen Perspektive heraus gesagt, dass ich bloß Projektionsfläche ihrer eigenen Themen sei, dass sie auf ihre eigenen Themen reagierte und nicht auf mich. Wie gern hätte ich ihr Handlungsmöglichkeiten gezeigt. Doch sie hatte mich nicht um Hilfe gebeten, also schwieg ich. Mein Ego war es, dass ungefragt helfen wollte. Doch mein helfen wäre ein aufdrängen meiner Realität gewesen, die nicht ihrer Realität entsprach. Was wusste ich schon von ihrem Lebensweg, um ihn zu erfahren sie in diesem Leben gelandet war. Es wäre ein ankämpfen gegen Windmühlen gewesen und gleichzeitig ein mich über sie erheben. Eine Form der Ablenkung von mir selbst, um nicht bei mir selbst zu schauen.
Die Worte, die ich ihr sagen wollte, sagte ich stattdessen mir. Ich machte mir klar, dass sie mir etwas spiegelte und ich im Begriff war meine Themen auf sie zu projizieren und fragte mich nach meinen Handlungsmöglichkeiten. Ich fühlte meine Wut, ich fühlte die Abhängigkeit, in der ich mich befand, gefesselt an ein gemeinsames Auto zwischen Natur und Dörfern, ich fühlte meine Schuld, fühlte meine Scham, meine Hilflosigkeit. Mein Schweigen hatte mich hilflos fühlen lassen, doch je mehr ich fühlte, je mehr Bewusstheit ich in die Themen brachte, die sie mir spiegelte, desto mehr wurde aus dem Gefühl der Hilflosigkeit eine Handlungsmöglichkeit. An die Stelle meiner Wut trat Ruhe. An die Stelle meiner endlosen Gedankenschleifen trat Stille. An die Stelle meiner Kraftlosigkeit, in die mich all die ungefühlten Emotionen geführt hatten, trat Freude.



