Aushalten
Von Überlebensmechanismen
Worte kreisen in meinem Kopf. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll und ob ich überhaupt was zu sagen habe, aber Worte wollen raus. Wahrscheinlich mehr um zu sortieren, was sich unsortiert in mir bewegt.
Lehrreiche Tage liegen hinter mir. Wieder begegnete mir ein Mann, der Grenzen überschreiten wollte, die ich nicht sofort setzte, als er mich umarmen wollte. In seiner Umarmung erstarrte ich zur Salzsäule, ehe ich mich ihr entwand. Erst die Worte einer Freundin rüttelten mich wach, mit denen sie mir sagte, dass ich niemanden umarmen muss, wenn ich das nicht möchte. Zuerst wollten sich Selbstvorwürfe in mir breit machen, doch ich entschied mich Verständnis an ihre Stelle treten zu lassen. Da sich das Thema Grenzen ziehen nun zum wiederholten male innerhalb kurzer Zeit gezeigt hatte, war es bedeutsam. Es schien tief in mir zu wirken, so oft wie ich meine eigenen Grenzen überschritten hatte und damit andere überschreiten ließ. Mein Körper sendete mir eindeutige Signale, Signale in Antigua, die ich nicht überhören konnte, Signale in Panama City, die in einer Deutlichkeit zu mir sprachen und mir zu schrien, dass ich erneut dabei bin meine Grenze zu überschreiten. Und doch wiederholte ich, ließ zunächst zu, was ich nicht wollte, um mit Zeitversatz zu agieren.
Ich konnte keine Grenzen ziehen, hatte es scheinbar nicht gelernt, hatte stattdessen gelernt, dass ich gefallen muss, mich unterordnen, mich selbst verlassen und verlieren muss, um geliebt zu werden. Liebe für Leistung, Liebe für Selbstaufgabe. Nicht das ich die Liebe der Menschen, die mir dieses Thema aufzeigten, brauchte oder wollte, dennoch wirkte dieses alte Programm so heftig in mir, dass ich es immer wieder wiederholte. Rasch zog ich die Grenze und in mir entstand der Gedanke, dass ich es jetzt wirklich verstanden hatte. Noch während ich den Gedanken dachte, fragte ich mich, ob das Leben mir einen weiteren Test schicken würde, um zu prüfen, ob ich tatsächlich verstanden hatte.
Zeitgleich spürte ich, dass ich müde geworden war. Müde von dem Lärm, der Geschwindigkeit und der Luftfeuchtigkeit dieser Stadt. Müde von der Unfreundlichkeit der Menschen, müde von der Anonymität außerhalb meines Hostels. Eine Erkältung hatte sich in mir breit gemacht und mich zur Ruhe gezwungen, die ich in den Straßen von Panama City und des Nachts im Hostel nicht fand. Meine laufende Nase zeigte mir, dass ich von etwas die Nase voll zu haben schien. Der bellende Husten wies mich auf die unausgesprochenen Worte hin, die mir im Halse stecken blieben, als ich hätte meine Grenze deutlich machen sollen. Ich spürte, dass die Ungeduld, Hektik und Unfreundlichkeit der Menschen sich nun auch in mir bewegten und so beschloss ich die Stadt nun doch für ein paar Tage zu verlassen und Ruhe in den Bergen von Boquete zu finden.
Am Abend traf ich auf ein Bild, dass mich an einen Urlaub mit einer Freundin erinnerte, in den ich erkältet gestart und aus dem ich erkältet zurück gekehrt war. Eine Erkältung, die bei mir üblicherweise drei Tage andauert, zog sich zwei Wochen in die Länge, weil ich mir mit der Reise und den Unternehmungen vor Ort zu viel aufgelastet hatte. Doch ich wollte, nun da ich den Entschluss gefasst hatte, am liebsten sofort raus aus der Stadt. Typisch Widder, alles sofort im Zweifel mit dem Kopf durch die Wand. Zusammen mit meiner Erkältung schleppte ich mich zum Busbahnhof um mir eine Fahrkarte für den nächsten Tag zu kaufen. Gefühlt konnte ich mich kaum auf den Beinen halten und mein genervt sein hatte einen Empfinglichkeitsgrad erreicht, der mich selbst überraschte. Auf meinem Weg zum Busbahnhof erschienen mir immer wieder Szenen aus dem besagten Urlaub, den ich krank angetreten war und durch den ich mich geschleppt hatte.
Am Busbahnhof erfuhr ich im gewohnt unfreundlichen Ton der Stadt, dass ich mir die Fahrkarte erst am Tag der Fahrt eine Stunde vor Abfahrt kaufen konnte. Am liebsten hätte ich mein Gegenüber angeschrien, dass sie mir einfach die scheiß Fahrkarte verkaufen soll, doch stattdessen ließ ich müde meinen Kopf sinken, hob ihn wieder, bedankte mich und kehrte ins Hostel zurück. Dort spürte ich meine Erschöpfung und das die zwei Stunden, die es gedauert hatte, um zum Busbahnhof zu fahren und unverrichteter Dinge wieder zurück zu kehren, zu viel gewesen waren. Den Rest des Tages verbrachte ich im Bett, ging nur kurz vor die Tür, um Taschentücher, Essen und Wasser zu kaufen. Eine Hostelbegegnung, die mich immer wieder fragte, wie es mir ginge und Fürsorglichkeit ausstrahlte, war es, die mir den Gedanken schenkte, dass ich die Fahrt nach Boquete nicht erzwingen solle.
Seine Worte nahm ich mit in den Schlaf und als ich am Mittag aufwachte, konnte ich Dankbarkeit empfinden, anstatt Groll, darüber dass ich keine Fahrkarte bekommen hatte. Ich war dankbar, dass mir damit die Freiheit geschenkt wurde spontan zu entscheiden, ob es mir gut genug ging die neun stündige Fahrt auf mich zu nehmen oder mein Körper noch einen weiteren Tag im Bett brauchte. Ich war dankbar für die Erkältung, die mein aufgeriebenes System zur Ruhe zwang, damit ich wieder in mein eigenes Tempo und in einen Blick für das Schöne zurück fand, den ich gänzlich verloren hatte. Ein Tag ohne Input und Outcome. Stattdessen von einem Schlaf in den nächsten fallen, regenerieren, bei ausgeschalteter Klimaanlage frieren, obwohl mich 30 Grad und 80 % Prozent Luftfeuchte umgaben.
Ich hatte das Zimmer für mich allein, alle waren unterwegs und ich fand Ruhe, die ich in den letzten Tagen weder in den Straßen Panama ´s noch in den geräuschvollen Nächten des Hostels gefunden hatte. Einer meiner Zimmernachbarn hatte mich gefragt, wie ich die Geräusche aus den anderen Betten aushalte. Seine Worte beschrieben genau was ich tat. Ich hielt aus seit dem ich in diese Stadt zurück gekehrt war, lebte meine Anpassungsfähigkeit, die vor Jahrzehnten mein Überlebensmechanismus war, im Schatten statt im Licht. Lastete mir zu viel auf. Nach außen hin stark, bewohnt jedoch ein weicher Kern mein Innerstes und ich scheine vergessen zu haben, dass ich nicht stark sein muss, dass ich nicht aushalten muss. Ich darf meinem weichen Kern folgen, weiterziehen, wenn mein weicher Kern sich unwohl fühlt, nein sagen, wenn ein ja sich falsch anfühlt.







"Oh, wie schön ist Panama", kommt mir in den Sinn, während ich dies lese.
Dazu der auch von mir gerne zitierte Satz "Leben geschieht für dich!".
Und so fühlt sich der Ruf an diesen Ort nach einem Geschenk an, das es auszupacken gilt, das wirken darf, oder auch eines, das erst Monate oder Jahre später gar seinen vollen Wert entfaltet.
Die drei Länder in Mittelamerika - mit welchen Attributen sie wohl rückwirkend assoziiert sein werden?